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"Persilgepflegt muss Wäsche sein"

Anita Sellenschloh

Anita Sellenschloh war eine Lehrerin in Langenhorn. Für kurze Zeit unterrichtete sie nach dem 2. Weltkrieg an der Fritz-Schumacher-Schule, dann - bis zu ihrer Pensionierung - an der Schule Am Heidberg. 
Außer im engsten älteren Kollegenkreis und in ihrer Familie würde wohl niemand besonders von ihrer (ehemaligen) Existenz Kenntnis nehmen bzw. genommen haben. Wenn - ja wenn nicht Anita Sellenschloh in den letzten Jahren in die Öffentlichkeit getragen worden wäre: Schulintern gibt es eine "Anita-Sellenschloh-Bibliothek" und im neuen "Heidberg-Village" hängt an der Hauptverbindungsstraße bereits ein Schild "Anita-Sellenschloh-Ring". 
Nun also ist es Realität geworden: Eine "Ehemalige" unserer Schule erfährt eine Ehrung durch die Straßenbenennung in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.
Während der Vorbereitungen auf unser rundes 50. Jubiläum arbeitete eine kleine Schüler-Projektgruppe der 10. Klassen (Antonia Heyn-10b- und Funda Demirbaga-10a) an dem Konzept zu einer Festschrift, in dem ein Kapitel Anita Sellenschloh gewidmet werden sollte. Ebenfalls beteiligt war unser liebenswerter und aktiver ehemaliger Kollege Reinhard Wiedenmann, der so sorgfältig die historischen "Kalenderblätter" erstellte. 
Und so lag es nahe, mehr über diese ehemalige Kollegin zu erfahren. Es kam zu einem längeren Gespräch mit Petra Fabig, der Tochter Anita Sellenschlohs, die wie ihre Mutter damals, seit vielen Jahren Lehrerin an unserer Schule ist. 
Ich danke Petra für dieses Gespräch.

Man sollte seine Ansichten über das heutige Geschehen nicht von den Erinnerungen an das Gestrige trennen. Die neueste Geschichte wird viel zu schnell den Historikern überlassen. Allzu viele ignorieren, dass doch der Rückblick auf die Geschichte und auf Personen unter uns zumindest ein wenig Demut hervorrufen sollte...

Anita Sellenschloh - wer war diese bemerkenswerte Frau?

7 Jahre ist Anita alt, als sie ihren Vater, ein Bäcker aus Eimsbüttel, nach dem Ende des 1. Weltkrieges 1918 wiedersieht, den Kopf vollständig verbunden und in einem Paket Mullbinden versteckt: Der Unterkiefer war ihm im Krieg, in den er nicht - wie die meisten anderen national trunken - freiwillig gezogen war, weggeschossen worden.
Schlecht operiert, wird er nie wieder richtig gesund und kann in seinem Beruf nicht weiter arbeiten, wird immer wieder arbeitslos. Der Verdienst der Mutter u.a. als Straßenbahn-Kassiererin ist so gering, dass es vorne und hinten nicht reicht. Anita muss früh mithelfen, ein wenig Zubrot zu verdienen. Früh erfährt sie, was es heißt, arm zu sein und als Kind und Heranwachsende hart arbeiten zu müssen.
Trotzdem lernt sie gut und hat das Glück, in die damaligen freiere "Reformschule" in der Telemannstraße zu kommen, in der Selbständigkeit und individuelle Entwicklung gefördert werden. 

Schon früh, etwa mit 16 Jahren wird sie zunächst Mitglied der sozialdemokratischen "Sozialistischen Arbeiterjugend- die Falken", später tritt sie dem Kommunistischen Jugendverband bei und erfährt hier, was Solidarität und Gemeinschaftsgefühl bedeuten. Viel wird über die Kriegsfolgen, über Ursachen des Massenelends und über die erneuten Kriegsvorbereitungen diskutiert, sie nimmt an Demonstrationen teil, kämpft für mehr Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit.
In dieser Zeit lernt sie Kurt von Appen kennen und verlobt sich mit ihm. Er starb - Ende 1936 - im Spanischen Bürgerkrieg.
Als Anita 21 Jahre alt ist, kommen die Nationalsozialisten an die Macht und es beginnt für sie, die Familie und die Freunde die schrecklich lange Zeit von Erniedrigung und Verfolgung. Bereits Mitte 1933 wird sie das erste Mal festgenommen, Anfang 1934 wird sie vom Hanseatischen Oberlandesgericht wegen Hochverrat zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Insgesamt wird sie neunmal verhaftet. Sie lernt die brutalen Verhörmethoden der Gestapo im Stadthaus und im Gefängnis - u.a. in Fuhlsbüttel, dem berüchtigten KOLAFU - kennen, und hört dennoch nicht auf, nachts Flugblätter zu schreiben und sie auf dem Weg zu einer ihrer Aushilfs-Arbeitsstellen heimlich zu verteilen oder Kurierdienste zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Widerstandskämpfern zu leisten.

Die vorletzte Haft erfolgte im Juni 1943 im Zusammenhang mit der Widerstandsgruppe Bästlein-Jacob-Abshagen. Kurz zuvor hatte sie ihren Gefährten Alwin Sellenschloh geheiratet. Während der furchtbaren Luftangriffe im Juli sitzt sie im Gefängnis und stellt fest, dass sie schwanger ist. Sie wird entlassen und irrt durch die brennenden Straßen. Für immer prägen sich ihr die Bilder der Verwundeten und Toten ein. Hoch oben prangt an einer halbzerbombten Fassade der Schriftzug "Persilgepflegt muss Wäsche sein".

Tochter Petra wird am 21.September geboren. Anita flüchtet mit dem Baby aufs Land in die Nähe von Gudow und bleibt dort bis zum Kriegsende. Sie kämpft um spärliche Nahrungsmittel und ist unterwegs auf beschwerlichen Wegen in Krankenhäuser, wo ihr Mann und ihre Tochter liegen, beide schwer TBC krank.
Zurück in Hamburg, denkt Anita, dass nun eine völlig neue Zeit anbricht - die Befreiung vom Faschismus. Zunächst aber wird sie aus der neugegründeten KPD ausgeschlossen, was sie letztlich nicht verbitterte. Während der einjährigen Arbeit im "Amt für Wiedergutmachung" liest sie, dass Lehrer gesucht werden und bewirbt sich im Lehrerseminar. Tatsächlich wird sie 1948 - jetzt 37 Jahre alt- Lehrerin. Endlich kann sie einen alten, langgehegten Wunsch erfüllen, der sich seit ihrer Schulzeit in der Telemannschule gehalten hatte.

Nun kann sie mit ihren neuen und alten Kolleginnen darangehen, die neu gewonnene Demokratie praktisch um zusetzen und "die schlummernden schöpferischen Kräfte der Kinder" wecken. Ziel ist, sich kritisch mit der Umwelt auseinander zu setzen und wach genug zu sein, neue Kriegstreiber nie wieder an die Macht kommen zu lassen.

Sie kommt an die "Siedlungsschule" der Fritz-Schumacher-Siedlung, wird Mitglied der an dieser Schule ansässigen "Griffelkunst", einer Vereinigung zur Förderung junger Maler und Vertrauensfrau der Lehrergewerkschaft. 

 

Schüler in der Schule Am Heidberg

Die Siedlung wächst schnell, die Schülerzahl wächst mit und die Schule wird zu klein. Drei Klassen werden in Räumen des neuen Heidbergkrankenhauses, der ehemaligen SS-Kaserne, untergebracht. Als 1952 die Schule Am Heidberg entsteht, gehört sie zu den ersten, die an dieser Schule unterrichten. 
Sie bleibt hier 23 Jahre bis zu ihrer Pensionierung 1974. Allerdings mit einer Unterbrechung von fast 2 Jahren (1952-54), in denen Mutter Anita und Tochter Petra zu ihrem seit 1947 in La Paz/Bolivien lebenden kranken Mann und Vater zogen. Anita lehrt - in der deutschen Kolonie, einem Hort von aus Deutschland geflohenen, "ausgewanderten" Nazis - an der deutschen Schule. Für die 9-jährige Petra ist es eine Zeit voller phantastischer und prägender Erlebnisse in diesem sozial so zerrissenen Land. Die Familie kehrt nach Deutschland zurück, die Eltern trennen sich. 
Anita Sellenschloh vertieft ihre Zuneigung zu ihrem alten (Schul-) Freund Albert-Ali-Bedekow, der selbst 3 Jungen in die neue Lebensgemeinschaft einbringt. Ali ist Verfolgter des Naziregimes, war Häftling im KZ Sachsenhausen und einer der wenigen Überlebenden des berüchtigten "Strafbataillons 999".

Ali ist leidenschaftlicher Lehrer an der Peter-Petersen-Schule. Voller Engagement widmen sich beide ihrer pädagogischen Arbeit, sitzen nächtelang zusammen, besprechen ihren Unterricht, planen Projekte, diskutieren über Inhalte, Ziele und Methoden, unterstützen sich gegenseitig. Im Zentrum stehen die ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler und das große soziale Engagement beider.
Diese gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Planung wird immer wichtiger, denn mit der Verschärfung des Kalten Krieges bläst der Gegenwind für mutige, engagierte und geschichtsbewusste Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen immer stärker. Ansätze zur Aufarbeitung des Holocaust, offene Diskussionen über den Nationalsozialismus sind verdächtig.
In diesen Jahren war es sehr schwer für Pädagogen, die Verfolgte des Naziregimes waren, im Widerstand gestanden haben oder aus der Emigration zurückgekehrt waren. Das gilt auch für deren Kinder, die Lehrer werden wollten.

Anita ließ sich nicht biegen oder beugen. Sie ist bewegt von allem, was Schule lebendiger macht und zeigt ihren Schülerinnen und Schülern neue Wege und Möglichkeiten für einen interessanten Unterricht und für Bildung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit.
Die Energie für ihr soziales Engagement und ihr Kampf gegen das Verdrängen und Vergessen erwuchsen ihren Lebenserfahrungen und dem unerschütterlichen Glauben an das Gute, das Kreative und Veränderbare im Menschen. Sie lebte Toleranz und Demokratie. 
Sie war kritisch und selbstkritisch, schnell im Denken, auch im Urteilen, prägnant im geäußerten Wort. Und ein schönes Lachen hatte sie, wohlklingend und herzhaft. Unaufdringlich, aber aufgeschlossen und zugewandt begegnete sie Menschen, pflegte Freundschaften, auch mit Persönlichkeiten, die von ihrer Lebensgeschichte, ihrem Charakter her so ganz anders waren als sie selbst.

Mit Claus Lehmann-Grube und Gertrud Bauer - ehemalige SchulleiterInnen unserer Schule - war sie freundschaftlich verbunden. Als Anita Sellenschloh 1974 pensioniert wird, setzt sie ihre gesellschaftliches Engagement konsequent fort. Jetzt beginnt ihre zweite aktive Phase: als Zeitzeugin ist sie gefragt in Schulen und an der Universität, in ihrer Arbeit in der VVN, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, im Auschwitzkomitee mit Esther Bejarano. 
Sie bleibt undogmatisch und echt in ihrem Engagement. 1994, zu ihrem 83. Geburtstag am 26.Dezember, schreibt ihr eine ehemalige Schülerin: "Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr stolz darauf bin, die Schülerin einer so mutigen Frau zu sein. Sie sind der einzige Mensch, den ich kenne, der sich im 3.Reich öffentlich gegen das Hitler-Regime gestellt hat. Das wird für mich immer ein Vorbild sein, den ich möchte nie die Fehler meiner Familie wiederholen."
Anfang November 1997 stirbt Anita Sellenschloh.


Wir können stolz darauf sein, dass Anita Sellenschloh Kollegin unserer Schule war und die Neu-Langenhorner sollten ebenfalls stolz darauf sein, diesen Namen als Adresse zu haben.
Anita Sellenschloh, eine Leid erfahrene, mutige, tapfere Frau aufrechten Ganges, Widerstandskämpferin gegen Faschismus, engagierte Lehrerin, unkonventionell, uneitel, dem Dogma fern, dem Leben nah, eine leidenschaftliche Frau - sie erfährt unsere Wertschätzung!